Sie schrien beide.
Mitten im Wohnzimmer, um ein Lego-Teil, das seit Wochen niemand angefasst hatte. Meine Tochter warf sich auf den Boden, mein Sohn hielt das Teil hoch wie eine Trophäe und brüllte „MEINS!“, und ich stand mit einem Kochlöffel in der Hand da und dachte: Das kann doch nicht normal sein, dass wir hier jeden Tag um 17 Uhr in diese Szene stolpern. Ich hatte in den Wochen davor heimlich in Foren gelesen, nachts, wenn beide endlich schliefen — „ist es normal, dass Geschwister sich so oft streiten?“, „mache ich etwas falsch, dass meine beiden sich nicht vertragen?“, „wird das je aufhören?“. Wenn du gerade genau das googelst, während dein Kaffee zum dritten Mal kalt wird: Du bist nicht allein, und du machst es nicht falsch.
Denn genau darum geht es in diesem Artikel: um Geschwisterstreit schlichten — nicht, indem wir ihn wegzaubern, sondern indem wir verstehen, was wirklich dahintersteckt, und daraus konkrete, alltagstaugliche Reaktionen ableiten. Keine Zauberformel, aber sieben Dinge, die bei uns wirklich etwas verändert haben.
Dieser Moment, den so viele Mamas kennen
Kennst du das Geräusch? Dieses spezielle Quietschen, kurz bevor es losgeht. Noch ist alles ruhig, beide spielen nebeneinander — und dann, aus dem Nichts, dieser Ton in der Stimme, der dir sofort sagt: gleich kracht’s. Bei uns war es oft die Fernbedienung, das letzte Stück Apfel, oder schlicht die Tatsache, dass der eine im Raum war, in dem der andere gerade „allein“ sein wollte. Manchmal ging es um Dinge, die so klein waren, dass ich am liebsten laut gelacht hätte — wäre da nicht das Gebrüll gewesen, das jeden Gedanken an Humor sofort erstickte.
Ich erinnere mich an einen Nachmittag im Spätsommer, als meine beiden sich zehn Minuten lang um einen Strohhalm stritten — einen einzigen, geknickten Trinkhalm aus einem Sechserpack, von dem noch fünf unbenutzt in der Schublade lagen. Ich habe in diesem Moment tief durchgeatmet und mich gefragt, ob wir irgendetwas falsch machen, ob andere Familien das anders hinbekommen, ob meine beiden sich überhaupt mögen. Die ehrliche Antwort, die ich erst später fand: Ja, sie mögen sich. Und genau deshalb streiten sie so oft.
Wenn Streit zum Tagesrhythmus gehört
Bei uns gab und gibt es diese wiederkehrenden Reibungspunkte: das Auto auf dem Weg von der Kita, der Platz am Esstisch, wer als Erstes ins Bad darf. Es sind fast immer dieselben Themen, nur in neuer Verpackung. Und wenn ich ehrlich bin: An manchen Tagen, wenn ich selbst erschöpft bin, eskaliert bei uns viel schneller etwas, das an einem ausgeruhten Tag einfach an mir abgeprallt wäre. Das war für mich eine der wichtigsten Erkenntnisse überhaupt — nicht meine Kinder sind an schlechten Tagen streitlustiger, sondern ich bin dünnhäutiger. Beides zusammen ergibt dann die Explosion um den Trinkhalm.

Die Uhrzeiten, zu denen es am häufigsten kracht
Wenn ich ehrlich in mich hineinhorche, gibt es bei uns zwei Hochphasen: kurz vor dem Mittagessen und am frühen Abend, wenn der Kindergarten- oder Schultag verdaut werden muss und gleichzeitig der Hunger drückt. Das ist kein Zufall — Blutzucker und Erschöpfung sind bei Kindern (und, seien wir ehrlich, auch bei uns Erwachsenen) einer der zuverlässigsten Vorboten für Streit. Ich habe irgendwann angefangen, in genau diesen Zeitfenstern proaktiv einen kleinen Snack anzubieten oder fünf Minuten Ruhe einzuplanen, bevor überhaupt etwas eskalieren kann. Es klingt fast zu simpel, aber die Zahl der Ausraster in dieser Tageszeit ist bei uns spürbar zurückgegangen, seit ich das im Blick habe.
Wenn der Streit eigentlich woanders herkommt
Ein Nachmittag ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: Mein Sohn hatte in der Kita einen schwierigen Tag, ein anderes Kind hatte ihn geärgert, und er hatte sich den ganzen Tag zusammengerissen, um nicht zu weinen. Zu Hause angekommen, reichte ein einziger Blick seiner Schwester, um ihn explodieren zu lassen — über etwas, das objektiv betrachtet keine drei Sekunden Aufregung wert gewesen wäre. Erst im Nachhinein wurde mir klar: Der eigentliche Streit hatte nichts mit ihr zu tun. Sie war einfach die Person, bei der er sich sicher genug fühlte, um endlich all das rauszulassen, was sich über den Tag angestaut hatte. Seitdem frage ich mich bei besonders unverhältnismäßigen Reaktionen öfter: Geht es hier wirklich um das Spielzeug — oder um etwas ganz anderes, das gerade einen Umweg über das Geschwisterkind nimmt?
Was hinter dem Streit wirklich steckt
Enge.
Das ist, kurz gesagt, der Kern. Geschwisterstreit schlichten gelingt erst dann wirklich, wenn wir verstehen, dass Streit unter Geschwistern kein Zeichen von Zerwürfnis ist, sondern fast immer ein Zeichen von Nähe. Die britische Entwicklungspsychologin Judy Dunn, eine der einflussreichsten Sibling-Forscherinnen überhaupt, hat in ihren jahrzehntelangen Beobachtungsstudien gezeigt, dass schon sehr junge Geschwister ein erstaunlich tiefes Verständnis füreinander entwickeln — sie lesen die Gefühle, Absichten und wunden Punkte des anderen oft präziser als jeder Fremde es könnte. Genau dieses Wissen setzen sie im Streit ein: Sie kennen die Knöpfe, auf die sie drücken können, weil sie sich so nah sind wie kaum jemand sonst in ihrem kleinen Leben.
Warum kleine Kinder noch nicht anders können
Neurobiologisch betrachtet ist das präfrontale Rindenhirn — der Teil, der Impulse bremst, Perspektiven abwägt und „erst denken, dann handeln“ ermöglicht — bei Kleinkindern und Vorschulkindern noch weit von der Reife entfernt, die es erst im jungen Erwachsenenalter erreicht. Wenn dein Dreijähriger seinem großen Bruder das Buch aus der Hand reißt, ist das keine Bosheit, sondern schlicht die Konsequenz eines Gehirns, das „ich will das jetzt“ noch nicht zuverlässig gegen „ich warte kurz“ abwägen kann. Bei älteren Geschwistern, etwa im Grundschulalter, wächst diese Fähigkeit zur Selbstregulation deutlich, ist aber unter Stress, Müdigkeit oder Hunger immer noch löchrig — auch das kenne ich aus eigener Erfahrung nur zu gut, wenn mein Kind nach einem langen Schultag plötzlich viel zündelnder ist als am Wochenende.

Rivalität ist kein Erziehungsfehler
Viele Mamas — mich eingeschlossen — neigen dazu, Geschwisterstreit als persönliches Scheitern zu lesen: „Wenn ich es richtig machen würde, würden sie sich nicht so oft streiten.“ Das ist einer der hartnäckigsten Mythen rund um dieses Thema. Rivalität zwischen Geschwistern ist in der Entwicklungsforschung ein gut dokumentiertes, altersnormales Phänomen, das mit dem Ringen um elterliche Aufmerksamkeit, der eigenen Identitätsfindung im Vergleich zum Geschwisterkind und dem natürlichen Konkurrenzverhalten in engen Beziehungen zusammenhängt — nicht primär mit deinem Erziehungsstil.
Welche Rolle Altersabstand und Geschlecht wirklich spielen
Eine Frage, die mir oft gestellt wird: Wird der Streit bei einem kleineren oder größeren Altersabstand schlimmer? Die Forschung gibt hier eine differenzierte Antwort. Ein geringerer Altersabstand geht tendenziell mit mehr direkter Konkurrenz einher, weil beide Kinder ähnliche Entwicklungsbedürfnisse zur gleichen Zeit haben und stärker um dieselben Ressourcen — Aufmerksamkeit, Spielzeug, elterliche Nähe — konkurrieren. Bei größerem Altersabstand verschiebt sich die Dynamik oft eher in Richtung Fürsorge und Belehrung des älteren Geschwisters, was seltener zu offenem Streit, aber manchmal zu einem anderen Reibungspunkt führt: dem Gefühl des Jüngeren, ständig bevormundet zu werden. Auch das Geschlecht spielt eine Rolle — gleichgeschlechtliche Geschwisterpaare berichten in mehreren Untersuchungen tendenziell von etwas mehr Konkurrenzverhalten als gemischtgeschlechtliche. Wichtig dabei: Das sind statistische Tendenzen, keine Gesetzmäßigkeiten. Ich kenne Geschwister mit einem Jahr Abstand, die selten streiten, und solche mit fünf Jahren Abstand, bei denen es täglich kracht.
Was Streit über die Geschwisterbeziehung wirklich aussagt
Eine der beruhigendsten Erkenntnisse, die ich in meiner Recherche gefunden habe: Geschwister, die überhaupt nicht streiten, sind entwicklungspsychologisch nicht unbedingt das Ideal, das viele Mamas sich erhoffen. Häufiger deutet völlige Konfliktvermeidung zwischen Geschwistern eher auf emotionale Distanz oder ein sehr ungleiches Machtgefälle hin, bei dem sich ein Kind dem anderen komplett unterordnet. Eine gesunde Geschwisterbeziehung enthält beides — echte Zuneigung und echten Streit. Das war für mich der Moment, in dem ich aufgehört habe, den täglichen Lärm bei uns zu Hause als Alarmsignal zu werten.
🔬 Was Studien und Fachleute zeigen
Studie der Universität Leipzig, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung, LINA-Kohortenstudie (2022): In einer Langzeitbeobachtung von 373 deutschen Mutter-Kind-Paaren von der Schwangerschaft bis zum zehnten Lebensjahr zeigte sich, dass Kinder mit älteren, im Haushalt lebenden Geschwistern seltener Verhaltensprobleme entwickelten als Einzelkinder — die Forschenden werten das als Hinweis darauf, dass Geschwisterbeziehungen trotz aller Reibung zur gesunden Entwicklung beitragen können. Was das für dich bedeutet: Der tägliche Streit ist nicht das ganze Bild — im Hintergrund passiert gleichzeitig viel soziales Lernen, das sich erst langfristig zeigt.
Forschung von Judy Dunn und Kolleginnen (Penn State / King’s College London, mehrere Studien seit den 1980ern): Beobachtungsstudien an Geschwistern im Kleinkind- und Vorschulalter zeigen, dass Kinder bereits sehr früh ein feines Gespür für die Gefühle, Absichten und Schwachstellen ihrer Geschwister entwickeln — dieselbe Fähigkeit, die im Streit als „Provozieren“ auffällt, ist entwicklungspsychologisch eng mit sozialem Verständnis und Empathiefähigkeit verknüpft. Was das für dich bedeutet: Ein streitendes Geschwisterpaar ist oft ein sozial hochaktives, nicht ein „kaputtes“ Geschwisterpaar.
Langzeitstudie der University of Missouri, Campione-Barr u.a. (veröffentlicht u.a. im Journal of Youth and Adolescence): Die Forschenden unterschieden zwei Hauptkategorien von Geschwisterkonflikten — Verletzungen der Privatsphäre bzw. des Eigentums und Konflikte um Gleichbehandlung und Fairness — und fanden, dass wiederholtes elterliches Eingreifen als Schiedsrichter den Konflikt teils eher verlängerte als löste. Feste, vorab kommunizierte Familienregeln (z. B. „Anklopfen vor dem Betreten des Zimmers“) wirkten nachhaltiger als spontane Schlichtung im Streitmoment. Was das für dich bedeutet: Weniger „Richter spielen“, mehr klare Regeln vor dem nächsten Streit — das nimmt dir im Ernstfall viel Druck.
Die meisten Mamas denken, häufiger Geschwisterstreit heißt, dass etwas zwischen den Kindern nicht stimmt — dabei ist er in den meisten Familien genau das Gegenteil: ein Zeichen dafür, dass beide sich sicher genug fühlen, um ihre stärksten Gefühle genau dort zu zeigen, wo sie sich am meisten geliebt wissen. Kinder streiten selten so hemmungslos mit Menschen, die ihnen egal sind.
📊 Was in diesem Alter normal ist
- Etwa 3–5 Jahre: Häufige, kurze, oft körperliche Konflikte um Besitz und Aufmerksamkeit; Streit dauert meist nur wenige Minuten und ist genauso schnell wieder vergessen wie er entstanden ist.
- Etwa 6–9 Jahre (Grundschulalter): Streit verschiebt sich stärker auf Gerechtigkeit und Fairness („Er hat mehr bekommen als ich!“); verbale Konflikte nehmen zu, körperliche eher ab; erste eigenständige Konfliktlösungsversuche sind erkennbar.
- Etwa 9–12 Jahre: Streit um Privatsphäre und Eigentum (Zimmer, Sachen, Geheimnisse) rückt in den Vordergrund; Geschwister vergleichen sich stärker in Leistung und elterlicher Zuwendung.
- Mehrere Konflikte pro Tag zwischen Geschwistern sind in praktisch jeder Familie mit zwei oder mehr Kindern die Regel, nicht die Ausnahme — das gilt über alle diese Altersstufen hinweg.
- Übergangsphasen (neues Geschwisterkind, Kita- oder Schulwechsel eines Kindes) gehen typischerweise mit einer spürbaren Zunahme an Streit einher, weil ein Kind gerade neu um seinen Platz „als der Große“ oder „als der Kleine“ ringt.
Der komplette 4-Wochen-Fahrplan mit den Ritualen, die bei uns tatsächlich für spürbar mehr Ruhe gesorgt haben — plus druckbarer Wochenübersicht zum sofortigen Aufhängen — wartet im Familienritual-Kompass auf dich. Wenn dir schon dieser erste Abschnitt geholfen hat, wird dir das Workbook noch mehr geben.
Was wirklich hilft, um Geschwisterstreit zu schlichten
Ich will ehrlich sein: Es gibt keinen Trick, der Streit komplett verschwinden lässt — und das ist auch gar nicht das Ziel. Streit gehört zum Erwachsenwerden mit Geschwistern dazu, so wie Zähneputzen zum Tag gehört. Was sich aber verändern lässt, ist, wie oft er eskaliert, wie lange er dauert und wie belastet die Stimmung danach ist. Hier sind die sieben Dinge, die bei uns wirklich einen Unterschied gemacht haben.
1. Beobachten statt sofort eingreifen
Das war für mich die schwierigste Umstellung. Mein erster Reflex war immer: reinspringen, trennen, klären. Doch genau dieses ständige Dazwischengehen nimmt Kindern die Chance, selbst eine Lösung zu finden — und genau das zeigen auch die Missouri-Forschenden: häufiges elterliches Schlichten im Streitmoment löst das eigentliche Problem oft nicht, sondern verschiebt es nur. Ich zähle mittlerweile innerlich bis zehn, bevor ich eingreife, außer es wird körperlich gefährlich. Oft haben sich meine beiden in dieser Zeit schon selbst geeinigt — was mich anfangs jedes Mal überrascht hat.
2. Gefühle benennen, bevor du nach der Lösung suchst
„Du bist wütend, weil er dein Bild kaputtgemacht hat“ wirkt oft stärker als „Sag sofort sorry“. Wenn ich das Gefühl zuerst in Worte fasse, merke ich, wie die Anspannung bei beiden Kindern messbar sinkt — als würde allein das Aussprechen schon einen Teil des Drucks rauslassen. Erst danach, wenn die Lautstärke gesunken ist, frage ich: „Was könnte jetzt helfen?“ Diese Reihenfolge — erst Gefühl, dann Lösung — ist entwicklungspsychologisch sinnvoll, weil ein aufgeregtes Kind kognitiv kaum in der Lage ist, rational nach einer Lösung zu suchen.

3. Klare Regeln statt Einzelfall-Urteile
Statt jeden Streit neu zu verhandeln, haben wir uns auf ein paar feste Familienregeln geeinigt, die für alle gleich gelten: Vor dem Zimmer des anderen wird angeklopft. Wer etwas ausleihen will, fragt vorher. Der Würfel entscheidet, wer als Erstes an der Konsole ist, nicht das lauteste Geschrei. Das nimmt mir die Rolle der „Richterin“, die im Einzelfall doch nie alle zufriedenstellen kann, und meinen Kindern das Gefühl, benachteiligt zu werden — genau der Mechanismus, den auch die Missouri-Studie als wirksamer beschreibt als spontane Einzelfall-Schlichtung.
4. Jedem Kind eigene, geschützte Zeit geben
Viele Streits, die auf den ersten Blick um ein Spielzeug gehen, sind eigentlich ein „Sieh-mich“-Ruf. Seit ich mit jedem meiner Kinder bewusst 10–15 Minuten am Tag habe, in denen wirklich nur es im Mittelpunkt steht — kein Handy, kein Geschwisterkind daneben — hat sich die Grundstimmung spürbar entspannt. Es klingt banal, aber diese kleine, verlässliche Insel scheint einen Teil des Konkurrenzdrucks aufzufangen, bevor er sich im Streit entlädt.
5. Konflikte gemeinsam lösen lassen, statt Lösungen vorzugeben
Statt „Du gibst ihm jetzt das Spielzeug zurück“ frage ich: „Was könnt ihr euch überlegen, damit ihr beide etwas davon habt?“ Anfangs kam da wenig bis nichts — meine Kinder waren es einfach nicht gewohnt, selbst zu verhandeln. Mit der Zeit wurden die Vorschläge kreativer: abwechselnd spielen, einen Timer* stellen, tauschen. Das Ziel ist nicht die perfekte Lösung, sondern die Erfahrung, dass sie gemeinsam etwas aushandeln können.
6. Verbindende Rituale außerhalb des Streits schaffen
Was uns überrascht hat: kleine, wiederkehrende Momente, in denen beide Kinder als Team agieren — gemeinsam den Tisch decken, ein kleines Abendritual, bei dem beide abwechselnd eine Aufgabe haben — bauen zwischen den Streits ein Polster aus Verbundenheit auf. Kinder, die regelmäßig positive gemeinsame Erfahrungen machen, tragen den nächsten Streit spürbar leichter aus, weil das Grundgefühl „wir gehören zusammen“ nicht jedes Mal neu erkämpft werden muss.

7. Deinen eigenen Zustand im Blick behalten
Der ehrlichste Punkt zum Schluss: An Tagen, an denen ich selbst erschöpft, hungrig oder im Zeitdruck bin, eskaliert bei uns überproportional viel mehr. Das ist keine Ausrede, aber eine wichtige Erkenntnis — auch die Leipziger LINA-Studie deutet in diese Richtung, wenn sie zeigt, wie stark sich mütterlicher Stress auf das kindliche Verhalten auswirken kann. Fünf Minuten für dich, bevor du in eine Streitsituation gehst — kurz durchatmen, Wasser trinken, die Schultern senken — verändern oft mehr als jede Erziehungstechnik.
Was eher nicht hilft
Ich habe vieles davon selbst ausprobiert, bevor ich gemerkt habe, dass es eher mehr als weniger Streit brachte — kein Grund, sich schlecht zu fühlen, wenn dir das bekannt vorkommt, sondern nur ein Hinweis, was sich vielleicht lohnt zu verändern.
Sofort einen Schuldigen suchen. „Wer hat angefangen?“ führt fast nie zu einer ehrlichen Antwort, weil beide sich als Opfer erleben — und es lenkt vom eigentlichen Bedürfnis ab, um das es im Streit ging.
Geschwister ständig vergleichen. „Guck mal, wie brav dein Bruder das macht“ mag im Moment wirken, verstärkt langfristig aber genau die Rivalität, die dem Streit zugrunde liegt.
Das ältere Kind automatisch zum Nachgeben verpflichten. „Du bist doch schon groß, gib halt nach“ fühlt sich für viele größere Geschwister zutiefst ungerecht an und kann über die Zeit zu genau der Art von Groll führen, die die Missouri-Studie mit langfristigen Belastungen in Verbindung bringt.
Jeden einzelnen Streit bis ins Detail aufklären wollen. Nicht jeder Konflikt braucht ein vollständiges Verhör. Manchmal reicht: kurz Luft rauslassen, Regel wiederholen, weiterspielen.
⚡ Was du noch heute ausprobieren kannst
- Beim nächsten Streit erst innerlich bis zehn zählen, statt sofort einzugreifen.
- Eine einzige, klare Familienregel für den häufigsten Streitpunkt aufstellen und laut aussprechen.
- Heute 10 Minuten geschützte Einzelzeit mit jedem Kind einplanen — auch wenn es kurz ist.
Im Alltag umsetzen

Theorie ist die eine Sache, der Moment mitten im Geschrei die andere. Hier sind die Sätze und Reaktionen, die bei uns im Ernstfall wirklich griffbereit sind:
- Bei beginnendem Streit: „Ich sehe, ihr wollt beide dasselbe. Wollt ihr es selbst lösen, oder braucht ihr Hilfe?“
- Bei Eskalation: „Stopp. Erst mal auseinander, dann reden wir.“ (Körperliche Trennung vor dem Gespräch, nicht während.)
- Nach dem Abklingen: „Was ist passiert, bevor es laut wurde?“ — statt „Wer war schuld?“
- Bei wiederkehrendem Streitpunkt: „Das ist schon das dritte Mal diese Woche wegen der Fernbedienung — lasst uns eine Regel dafür finden.“
- Danach: Ein kleiner, gemeinsamer Neustart — z. B. eine Runde durchs Zimmer, ein High-Five, ein winziges gemeinsames Ritual, das den Streit symbolisch abschließt.
⚕️ Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche oder hebammliche Beratung. Bei Fragen zur Gesundheit deines Kindes oder zu dir wende dich bitte an eine Fachperson.
Kleine Rituale, die Geschwister liebevoll verbinden
Diese Sammlung an kleinen Ritualen war bei uns tatsächlich hilfreicher, als ich anfangs dachte — nicht als Wundermittel, sondern als sanfter Rahmen für genau die verbindenden Momente, die im Alltagstrubel sonst untergehen.
Ehrlich gesagt: nicht jedes Ritual passt zu allen Kindern, ein bisschen Ausprobieren gehört dazu. Für Familien mit Kindern im Kita- und Grundschulalter finde ich es besonders passend.
Wenn du bis hierhin gelesen hast, ahnst du schon: die eigentliche Arbeit passiert nicht im Streitmoment, sondern in den ruhigen Zwischenräumen davor. Genau diese Zwischenräume — mit fertigen Ritualen, Wochenplänen und einer druckbaren Vorlage für den Familienalltag — findest du gebündelt im Familienritual-Kompass, zum Download.
Häufige Fragen zum Thema Geschwisterstreit schlichten
Was, wenn ich glaube, bisher vieles falsch gemacht zu haben?
Das geht den meisten Mamas irgendwann so — mir eingeschlossen. Die gute Nachricht: Geschwisterbeziehungen entwickeln sich über Jahre, nicht in einem einzigen Streitmoment. Wenn du ab heute anfängst, Streit unter Geschwistern etwas anders zu begleiten, wirkt sich das spürbar aus. Es geht nicht um Perfektion, sondern um Richtung.
Ist es zu spät, um die Geschwisterbindung meiner Kinder noch zu stärken?
Nein. Die Geschwisterbindung zu stärken ist kein Projekt mit Enddatum — Studien zur Geschwisterbeziehung über die gesamte Kindheit und Jugend zeigen, dass sich die Qualität dieser Beziehung immer wieder verändern und verbessern kann, auch bei älteren Kindern. Kleine, verlässliche gemeinsame Rituale wirken in jedem Alter.
Funktionieren diese Tipps bei jeder Geschwisterkonstellation?
Die Grundprinzipien — Gefühle benennen, klare Regeln, geschützte Einzelzeit — funktionieren über die meisten Altersspannen hinweg, auch wenn sich die konkrete Umsetzung unterscheidet. Bei größerem Altersabstand oder sehr unterschiedlichem Temperament kann es dauern, bis ihr euren eigenen Rhythmus findet — das ist normal und kein Zeichen, dass etwas nicht stimmt.
Sollte ich mich beim Streit unter Geschwistern immer raushalten?
Nicht immer, aber öfter, als der erste Impuls oft nahelegt. Bei körperlicher Gefahr oder klarer Grenzüberschreitung greifst du natürlich ein. Bei den meisten alltäglichen Reibereien gilt: erst kurz beobachten, dann unterstützen statt sofort lösen.
Wann sollte ich mir professionelle Unterstützung holen?
Wenn Streit regelmäßig sehr heftig körperlich wird, ein Kind dauerhaft ängstlich oder zurückgezogen wirkt, oder du selbst das Gefühl hast, nicht mehr weiterzuwissen, ist es sinnvoll und völlig richtig, dir Unterstützung bei einer Kinderärztin, Familienberatungsstelle oder Erziehungsberatung zu holen. Das ist kein Scheitern, sondern verantwortungsvolles Handeln.
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